Mit Grammy-Gewinnerin Ledisi startet „Jazz im Brunnenhof“ in seine diesjährige Saison – Ein Tribut an Dinah Washington
Die Tagesform wird zumeist als etwas Persönliches angesehen, als individuell verantworteter Zustand, der bestimmt, was einem Menschen vom Frühstück bis zur Bettgehzeit möglich ist. Kaum jemand zieht mit diesem Begriff den Tag selbst in die Verantwortung. Ist er nämlich gut in Form, kann er in gerade einmal 24 kleinen Stunden, wie Dinah Washington einst sang, einen großen Unterschied machen. Bei der beliebten Reihe „Jazz im Brunnenhof“ sogar in gut zwei Stunden. Denn die zeitgenössischen Stars der internationalen Jazzbühne, die im Juli und August erneut die Bühne erobern, versetzen nicht nur eingefleischte Jazzfans in nachhaltige Begeisterung, sondern ziehen mit lateinamerikanischen Rhythmen und Crossover-Projekten auch Gelegenheits-Jazzer in ihren Bann. Los geht es am 9. Juli mit Ledisi, die ein großes Erbe an die Porta bringt.
Mit „What a Diff'rence a Day Makes“ gewann Dinah Washington 1959, nur vier Jahre vor ihrem tragischen Tod, den Grammy und schrieb sich endgültig als „Queen of the Blues“ in die Musikgeschichte ein. Vierzig Jahre später wurde ihr Evergreen in die Grammy Hall of Fame aufgenommen, deutliches Zeichen für ein Erbe, das zahlreiche Generationen an Musikerinnen und Musikern prägte – und bis heute prägt. Stolz reiht sich auch die US-amerikanische Sängerin Ledisi in die Riege der Dinah-Fans ein. Ihr im vergangenen Oktober veröffentlichtes und hochgelobtes Album For Dinah ist eine kraftvolle, sinnliche und zutiefst persönliche Verneigung vor der Frau, die den Weg ebnete für Generationen schwarzer Künstlerinnen.
„Bevor es Aretha gab, gab es Dinah", sagt Ledisi mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldet. „Sie gab mir die Erlaubnis, mich frei zu bewegen, frei zu kreieren, eine Frau in Führung zu sein, zu tragen und zu sagen, was ich will." Dinah Washington – geboren 1924 in Tuscaloosa, Alabama, aufgewachsen in Chicago – war eine Grenzgängerin: Jazz, Blues, R&B, traditionelle Popmusik. Sie überwand rassistische Barrieren in einer von weißen Männern dominierten Industrie und machte aus ihrer Sinnlichkeit eine Waffe und eine Krone zugleich. Für Ledisi, die sich ebenfalls im Resonanzraum aus Jazz und R&B bewegt, eine echte Inspiration. Geboren in New Orleans, musikalisch geformt in der Bay Area, sieht Ledisi in Dinah eine Ikone des weiblichen Jazz – und in ihrem Album For Dinah mehr als ein Tribute-Album. Es ist eine Liebeserklärung an Repräsentation und Resilienz. „Ich fühlte ihren Schmerz, ihre Zurückweisung", erklärt die 14-fach Grammy-nominierte Sängerin und einmalige Grammy-Gewinnerin, die bereits Mahalia Jackson in Selma und Remember Me verkörperte und mit Ledisi Sings Nina auch Nina Simone ein Denkmal setzte. „Das ist, woher ich komme – und das ist meine Art, ihren Namen laut auszusprechen.“
Mit Ledisi startet die Musikreihe „Jazz im Brunnenhof“ in ihre diesjährige Saison. Und einen besseren Brückenschlag zwischen großem Erbe und moderner Interpretation, der die heutige Jazz-Szene prägt, könnte es kaum geben: Schließlich lebt auch die historische Kulisse des Brunnenhofs von der Art, wie er mit neuen Bedeutungen, neuen Stimmen, neuem Zusammensein aufgeladen wird. Hier wird Ledisi zeigen, warum die New York Times ihre stimmliche Bandbreite als „atemberaubend" bezeichnete und warum Dinah Washington nicht nur jedem Tag die Möglichkeit gab, etwas zu verändern – sondern es mit ihrer eigenen Musik selbst tat.
Das Konzert beginnt um 20:00 Uhr (Einlass 19:00 Uhr). Tickets sind ab sofort in der Tourist-Information an der Porta Nigra und hier. Studis haben dank des DiMiDo-Kultursemestertickets ab 20 Minuten vor Beginn freien Eintritt. Bei ausverkauften Veranstaltungen entfällt dieser Anspruch.
Extra:
Alle ausstehenden Konzerte von Jazz im Brunnenhof im Überblick
Es gibt Stimmen, die durch Generationen hallen – kraftvoll, unbeugsam, unsterblich. Stimmen, die Wege bahnen und nicht ver-, sondern nachhallen. In ihrer Jugend hat die in New Orleans geborene Sängerin Ledisi diesen Stimmen zugehört. Heute ist sie selbst zu einer dieser Stimmen geworden. Und das mehr als erfolgreich: Grammy-Gewinnerin, 14-fach Grammy-nominiert, gefeiert von John Legend als „eine der großartigsten Sängerinnen der Welt, Punkt." Und noch immer mit den Stimmen im Kopf, deren Botschaft sie weiterträgt.
Sie verkörperte Mahalia Jackson in Selma und Remember Me, sang Nina Simone in Ledisi Sings Nina, spielte Patti LaBelle und Gladys Knight. Nun, mit For Dinah, verneigt sie sich vor der Größten: Dinah Washington, die als „Queen of the Blues" 1959 mit „What a Diff'rence a Day Makes" den Grammy gewann und rassistische Barrieren überwand. Für Ledisi, die sich ebenfalls im Resonanzraum aus Jazz und R&B bewegt, eine echte Inspiration. Im Brunnenhof wird sie zeigen, warum die New York Times ihre eigene stimmliche Bandbreite als „atemberaubend" bezeichnete und warum Dinah Washington nicht nur jedem Tag die Möglichkeit gab, etwas zu verändern – sondern es mit ihrer eigenen Stimme selbst tat.
16. Juli 2026: Judith Hill
Wenn ein Funke einmal übergesprungen ist, will man ihn wieder spüren. Bereits 2024 hatte das ausverkaufte Trier-Debüt der US-amerikanischen Jazzsängerin Judith Hill gezeigt, dass sich gerade im Schatten der Porta Nigra ihre unverwechselbare Crossover-Kraft voll entfalten kann. Deshalb kehrt sie am 16. Juli zurück und setzt erneut ein Power-Plädoyer für die funkverwöhnte Expressivität des Augenblicks.
Dabei sind es nicht die großen Namen ihrer Kollaborationen, die man anführen könnte, um ihre beeindruckende Karriere zu beschreiben – sondern die tiefe Verbundenheit zu ihnen. Prince produzierte 2015 ihr Debütalbum Back in Time, Michael Jackson wählte sie 2009 für seine geplante Tour This Is It aus. Als Background-Sängerin arbeitete sie mit Stevie Wonder, Elton John, John Legend und George Benson.
Doch längst geht die Tochter der japanischen Pianistin Michiko und des R&B-Bassisten Robert „Pee Wee" Hill ihren eigenen Weg. Ihr Sound schlägt Haken zwischen japanischer und afroamerikanischer Herkunft, zwischen erdiger Soul-Stimme und psychedelischem Funk, seit ihrem letzten Album auch mit scharfen Gitarrensoli. Ein echtes Jazz-Highlight, bei dem der Funk(e) zweifelsohne wieder überspringen wird – auf alle.
23. Juli 2026: Luminous Flow
Mit dem Strom ist es so eine Sache. Unter ihm zu stehen bedeutet das Gegenteil davon, in ihm zu sein. Wo es bei dem einen um energiegeladene Elektrifizierung geht, meint das andere eher den sanft dahingleitenden Wasserstrom. Im Jazz-Quintett Luminous Flow kommt beides zusammen: leidenschaftlicher Ausbruch aus vorgegebenen Standards und gleitende Geschmeidigkeit im Fluss großer Jazztraditionen. Am 23. Juli kommen die fünf deutschen Jazzmusiker in den Brunnenhof – für einen Sound, der mäandriert statt geradeaus zu fließen, in den Bann zieht, aber nie gebändigt erscheint.
An der Spitze: Heiner Wiberny, lebende Legende des deutschen Jazz. Fast drei Jahrzehnte Lead-Altist der WDR-Bigband Köln, zweifacher Grammy-Gewinner (2007/2008), heute Professor an der Musikhochschule Köln. An seiner Seite: Marius Peters, dessen preisgekröntes Gitarrenspiel 2015 drei internationale Jazzpreise einbrachte. Sänger Christopher Klassen teilte die Bühne mit Grammy-Gewinnerin Dianne Reeves und Bassist John Clayton. Oliver Rehmann am Schlagzeug und David Andres am Bass sorgen für den perfekten Puls – mal subtil, mal explosiv. Am Ende ist nicht zu entscheiden, ob sie unter Strom oder im Flow stehen. Sicher ist nur: Wer eintaucht, vergisst sie nicht.
30. Juli 2026: Ecos de Siboney
Wahre Poesie schwingt zwischen Melancholie und Lebensfreude – ein Gleichgewicht, das Ecos de Siboney meisterhaft beherrschen. Ihr Name, die „Echos von Siboney“, ist eine Verbeugung vor den indigenen Wurzeln Kubas und der Sehnsucht nach Heimat. Als Enkel der Legende Compay Segundo tragen Ernesto, Leonardo und Alejandro Repilado ein gewaltiges Erbe im Gepäck: Ihr Großvater, Architekt des modernen Son Cubano und Gesicht des Buena Vista Social Clubs, ernannte sie persönlich zu seinen Nachfolgern.
Unter dem Credo „Somos los herederos“ (Wir sind die Erben) bringen sie die vertonte Poesie des Weltstars nach Trier. Neben unsterblichen Klassikern wie „Chan Chan“ und „Guantanamera“ präsentiert das achtköpfige Oktett preisgekrönte Eigenkompositionen, die den traditionellen Son mit frischer Energie beleben. Wenn im Brunnenhof die Tres-Gitarre erklingt, verschmelzen Havanna und Trier zu einer Einheit. Und es zeigt sich: Die Enkel bewahren die Spur ihres Großvaters nicht nur – sie hinterlassen mit jedem Takt ihren ganz eigenen, unverkennbaren Abdruck.
06. August 2026: Sanne Sanne
Ein Prisma bricht Licht in verborgene Farben – so wirkt die Musik des Quartetts „Sanne Sanne“. Die Amsterdamerin Sanne Huijbregts ist eine Architektin von Atmosphären, die bereits am Junior Jazz College als Ausnahmetalent glänzte und ihr Studium in Kopenhagen und Berlin mit Bestnoten abschloss. Heute erschafft sie „Dreamscapes“, in denen ihre ätherische Stimme mit dem metallischen Schimmern des Vibraphons und den synthetischen Weiten des Xylosynths verschmilzt.
Gemeinsam mit ihrem Quartett, bestehend aus Roosmarijn Tuenter (Bratsche, Gesang), Pat Cleaver (Bass) und Jeroen Batterink(Drums), übersetzt die Gewinnerin der Dutch Jazz Competition 2024 diese Suche nach Halt in pulsierende Klangteppiche zwischen Indie-Folk und Jazz. Im Brunnenhof entfaltet sich so die ganze Bandbreite einer Künstlerin, die auch als Fotografin und Filmemacherin ihre Vision schärft. Und dabei ihren Anspruch verfolgt, nicht gefallen, sondern entführen zu wollen: in gleitende und zugleich energische, schwebende und zugleich erdende Klangwelten.
13. August 2026: Quadro Nuevo
Manche Karrieren beginnen im Konservatorium, andere auf einem Parkplatz bei Salzburg: Die Geschichte von Quadro Nuevo startete 1996 mit einer im Spielcasino verpulverten Gage. Was blieb, war ein unverwechselbarer Sound und eine Abenteuerlust, die das Ensemble seither von der Carnegie Hall bis in den Kaukasus führte. Für ihre verwegene Musizierweise wurde die Gruppe mit zwei ECHOs, einer Goldenen Schallplatte, dem Preis der deutschen Schallplattenkritik und mehreren Jazz Awards ausgezeichnet.
In Trier präsentieren sich die Virtuosen in einer Besetzung, die vor Spielfreude strotzt: Während Mulo Francel zwischen Saxophon und Mandoline wechselt und D.D. Lowka den Rhythmus vorgibt, entlockt Andreas Hinterseher dem seltenen Vibrandoneon sehnsuchtsvolle Töne, verankert durch den Ideenreichtum von Pianist Chris Gall. Mit ihrem Album HAPPY Deluxe weben sie eine Hommage an Glücksmomente – mal als chillige Tagträumerei, mal als wilder Tango. Ganz gleich, wohin der Weg und die Gage diesmal führen mögen: Den Jackpot gewinnt im Brunnenhof ohnehin das Publikum.
20. August 2026: Porta Jazz Band
Musik ist wie ein gutes Gespräch: Man versteht sich auch ohne viele Worte. Doch wenn der Jazz plötzlich Deutsch spricht, wird aus dem vertrauten Dialog eine überraschende Pointe – und mit einer gehörigen Portion Swing ein Abend auch für diejenigen, die dem Jazz normalerweise die verbale kalte Schulter zeigen.
In ihrer charaktervollen und stilsicheren Mischung aus traditionellen Standards und modernen Einflüssen steht die Porta Jazz Band auf solidem Fundament: Rüdiger Garbisch am Bass bildet als „Band-Motor" das rhythmische Rückgrat, Fred Noll am Schlagzeug sorgt für unverwechselbaren Drive, während Hubert Eiden am Keyboard harmonische Farbigkeit ins Spiel bringt. Die Solistinnen Birgit Pickan und Elke Holzmüller verleihen dem Sound jene warme, expressiv-nuancierte Note, die aus reiner Virtuosität echte Emotion macht. Wilfried Hoffmann an Trompete und Flügelhorn sowie Markus Poschenrieder am Tenorsaxophon geben dem Klangbild klare Farben und agiles Energiepotenzial. Mit ihrem Programm „Jazz wird's deutsch" verbinden sich Virtuosität und Sprachwitz mit energiegeladenen Improvisationen – eine Hommage an die Jazz- und Swingtradition der eigenen Muttersprache.
27. August 2026: The Jakob Manz Project (in Koop. mit dem Mosel Musikfestival)
Mit ihrem frischen und zupackenden Sound ist „The Jakob Manz Project“ auf Steigflug in der jungen deutschen Jazz Szene. Ob deutschlandweit in Clubs oder auf Festivals wie den Leverkusener Jazztagen, ELBJAZZ und Jazz Baltica: Die unverwechselbare Energie dieser Band löst beim Publikum Begeisterungsstürme aus. Direkter und klarer Sound, reichhaltige Dynamik und emotionale Tiefe – das sind die herausragenden Aspekte ihrer Musik. Die Musik der Band ist sehr stark von Jazzrock und Funk inspiriert, wird jedoch durch die vier Künstlerpersönlichkeiten mit ihren zahlreichen Einflüssen aus Soul, Pop, Weltmusik oder Hip-Hop angereichert.
Auch wenn das Saxophon des jungen Bandleaders meist im Mittelpunkt steht, spiegelt sich die musikalische Individualität jedes Bandmitglieds wider – gerade bei den vielfältigen Stücken ihrer jeweiligen Eigenkompositionen. Eingängige Grooves, leidenschaftliche Soli und raffiniertes Zusammenspiel bis hin zu kristallklaren, sphärischen oder gar melancholischen Klängen – „The Jakob Manz Project“ verspricht einen einmaligen Abend im Trierer Brunnenhof! (Mehr Informationen auf www.moselmusikfestival.de)